13 Sekunden. So lange dauerte die Fahrt von Lindsey Vonn bei der olympischen Abfahrt in Cortina d’Ampezzo am 8. Februar 2026.
Dann war alles vorbei. Kein Gold, kein Podest, kein Märchenfinale. Stattdessen: Schmerzensschreie auf der Olimpia delle Tofane, minutenlange Stille im Zielraum und ein Helikopter, der die 41-Jährige vom Berg ins Krankenhaus flog.
Was genau an diesem Sonntagmittag passiert ist, warum Vonn trotz eines frischen Kreuzbandrisses überhaupt gestartet ist und wie Experten, Familie und die Ski-Welt auf das Drama reagiert haben, das alles erfährst du in diesem Überblick.
Um den Sturz einordnen zu können, muss man ein paar Jahre zurückspulen. 2019 hatte Vonn ihre Karriere nach unzähligen Verletzungen beendet.
82 Weltcup-Siege, Olympia-Gold in der Abfahrt 2010 in Vancouver, vier Gesamtweltcup-Titel und acht WM-Medaillen standen in ihrer Bilanz. Die meisten hätten das als perfekten Schlussstrich gesehen.
Vonn selbst nicht. In Interviews sagte sie später, dass ihr ohne den Skisport etwas Fundamentales gefehlt habe. Im November 2024 kam die Ankündigung: Comeback mit 40 Jahren. Der Clou: Im rechten Knie trug sie mittlerweile eine Teilprothese, eingesetzt im April 2024. Und genau diese Operation war der Wendepunkt, denn plötzlich waren die chronischen Schmerzen weg, die sie 2019 zum Aufhören gezwungen hatten.
Was danach folgte, war schlicht beeindruckend. Vonn gewann im Dezember 2025 ihre erste Abfahrt seit fast acht Jahren in St. Moritz und wurde damit zur ältesten Weltcup-Siegerin aller Zeiten (41 Jahre, 55 Tage). Im Januar 2026 holte sie bei der Abfahrt in Zauchensee ihren 84. Weltcup-Sieg. Sie führte die Abfahrtswertung an und war bei allen fünf Saisonrennen in den Top 3 gelandet. Der Olympia-Traum auf ihrer Lieblingsstrecke in Cortina, wo sie in ihrer Karriere zwölf Weltcup-Siege eingefahren hatte, war so greifbar wie nie.
Der Kreuzbandriss von Crans-Montana: Neun Tage vor Olympia
Am 30. Januar 2026, beim letzten Weltcup-Rennen vor den Spielen, stürzte Vonn bei der Abfahrt im schweizerischen Crans-Montana schwer. Die Diagnose: Kreuzbandriss im linken Knie, dazu Knochenprellungen und Meniskusschäden. Auch damals wurde sie per Helikopter abtransportiert.
Für die meisten Sportlerinnen wäre das Thema Olympia damit erledigt gewesen. Vonn sah das anders. Auf Instagram meldete sie sich noch am selben Abend: „Das ist ein sehr schwerer Rückschlag. Wenn es eine Sache gibt, die ich kann, dann ist es ein Comeback.“ Am Dienstag darauf erklärte sie auf einer Pressekonferenz, sie habe „schon andere Rodeos überstanden“ und sei „schmerzfrei“. Sie postete Videos von Fitnessübungen, unterlegt mit dem Song „Don’t Give Up On Me“.
Die Reaktionen waren gespalten. Maria Höfl-Riesch, selbst Olympiasiegerin und ehemalige Freundin Vonns, warnte öffentlich: „Es ist ein Ritt auf Messers Schneide, was sie sich da in Cortina zumutet.“ Mediziner wie der DSV-Arzt Dr. Manuel Köhne erklärten, dass ein gerissenes Kreuzband die Stabilität des Knies massiv beeinträchtigt und das Verletzungsrisiko bei einer Hochgeschwindigkeitsdisziplin wie der Abfahrt erheblich steigt.
Vonn trainierte trotzdem. Beim Abschlusstraining am Freitag wurde sie Elfte. Am Samstag schrieb sie auf Instagram: „Ich kann nicht garantieren, dass es ein gutes Ergebnis wird.“ Aber sie würde starten, egal was passiert.
8. Februar 2026: Die 13 Sekunden von Cortina
Sonntagmittag, strahlend blauer Himmel über den Dolomiten, die schneebedeckten Gipfel der Tofana bilden eine Postkartenkulisse. Um 11:59 Uhr geht Startnummer 13 ins Rennen. Im Zielraum wird es laut, Vonns Vater Alan und ihre Schwester Karin sind da, sogar Rap-Ikone Snoop Dogg für das US-Fernsehen.
Was dann passiert, geht in Sekundenschnelle. Vonn nimmt die erste kritische Passage aggressiv, bleibt mit dem Arm an einem Tor hängen, hebt ab und verdreht sich in der Luft. Der Aufprall ist brutal. Beide Ski stehen nach der Landung in verschiedene Richtungen ab, die Bindung hat sich nicht gelöst. Vonn bleibt im Schnee liegen.
Über die Außenmikrofone sind ihre Schreie zu hören. „Oh my God!“ Dann: „Hilfe!“ Im Zielraum herrscht Totenstille. Die Zuschauer, die eben noch gejubelt hatten, stehen regungslos da.
Mehr als zehn Minuten behandeln Sanitäter Vonn auf der Piste. Eurosport-Kommentator Wolfgang Nadvornik beschreibt live, dass ihr Knie „verdreht“ daliege. Expertin Martina Lechner ruft: „Macht doch mal die Ski auf! Bitte mal die Ski öffnen!“ Dann wird Vonn auf eine Trage geschnallt und per Seilwinde in einen Helikopter gezogen. Als der Hubschrauber abhebt, brandet im Zielraum kurz Applaus auf. Das Rennen war mehr als 20 Minuten unterbrochen.
So reagierten Experten und Familie
Felix Neureuther (ARD-Experte) war sichtlich mitgenommen. Beim Moment des Sturzes rutschte ihm live heraus: „Oh Gott! Ach Scheiße! Entschuldigung, dass ich das sage.“ Danach wurde er deutlich: „Das war die Angst, die ich hatte, dass sie für dieses eine Rennen so versucht, übers Limit drüber zu gehen.“ Als die Regie Zeitlupen und Nahaufnahmen von Vonns Behandlung zeigte, schimpfte Neureuther über die TV-Bilder: „Bitte geht doch da nicht mit der Kamera drauf. Und kürzt den Ton weg! Was soll das?“ Er nannte den Sturz einen, den er „in fast 40 Jahren so noch nicht gesehen habe, in dieser Brutalität.“ (Quelle: BILD)
Tina Maze (Eurosport-Expertin und ehemalige Weltklasse-Athletin) sagte: „In meinen Augen hat sie zu viel riskiert, hier heute ins Rennen zu gehen. So konnte ein solcher Sturz passieren. Und wenn du dann auch noch nicht fit bist, können die Konsequenzen noch schlimmer sein. Aber wir kennen Lindsey. Das war ihre Entscheidung. Sie wollte es unbedingt. Das ist schrecklich.“ (Quelle: Eurosport)
Vonns Vater Alan Kildow war direkt an der Strecke und sprach danach am Sportschau-Mikrofon: „Es bricht mir das Herz. Sie ist so eine Kriegerin, so eine starke Kämpferin. Sie hat alles gegeben, was sie hatte. Unglücklicherweise war es nicht ihr Tag. Wenn ich sie sehe, sage ich ihr, dass sie ein fantastischer Champion ist. Ich könnte nicht stolzer sein auf sie.“
Vonns Schwester Karin Kildow bei NBC: „Das war definitiv das Letzte, was wir sehen wollten. Es ging alles sehr schnell. In so einem Moment hofft man einfach nur, dass sie okay ist. Sie hat alle ihre Chirurgen und ihr Team hier.“
Viktoria Rebensburg (Eurosport-Expertin) brachte das Dilemma auf den Punkt: „Wir wussten alle, dass es nur zwei Möglichkeiten für sie gab. Alles riskieren, dann zu stürzen oder eben eine Medaille zu holen.“
Emma Aicher, die wenig später Silber gewann und damit die erste deutsche Medaille dieser Spiele holte, sagte im ZDF: „Ich habe gleich weggeschaut. Ich weiß also gar nicht, was passiert ist. Ich hoffe, dass es nichts allzu Schlimmes ist und es ihr gut geht.“
Verletzung und Diagnose: Was bisher bekannt ist
Eine offizielle Diagnose gab es zunächst nicht. US Ski & Snowboard teilte lediglich mit, dass Vonn im Krankenhaus untersucht werde. Vonns Schwester bestätigte, dass das gesamte medizinische Team und Vonns Chirurgen vor Ort in Italien seien.
Was sich zusammenfassen lässt: Vonn fuhr mit einer Teilprothese im rechten Knie und einem gerissenen Kreuzband im linken Knie, das zusätzlich von einer Schiene gestützt wurde. Die TV-Bilder zeigten nach dem Sturz eine auffällig verdrehte Kniestellung, was auf weitere schwere Schäden hindeuten könnte. Genauere Informationen standen zum Zeitpunkt dieses Artikels noch aus.
Das Rennergebnis: Gold für Johnson, Silber für Aicher
Die Abfahrt wurde nach der Unterbrechung fortgesetzt. Breezy Johnson (USA), Vonns Teamkollegin, gewann Gold. Nur vier Hundertstelsekunden dahinter holte Emma Aicher (Deutschland) Silber. Bronze ging an Sofia Goggia (Italien). Eine bittere Ironie: Vonn war vor dem Rennen die einzige US-Frau gewesen, die jemals olympisches Abfahrts-Gold geholt hatte.
War der Start mit Kreuzbandriss die richtige Entscheidung?
Diese Frage wird seit dem Sturz in Sozialen Medien, Sportredaktionen und am Stammtisch hitzig diskutiert. Die Meinungen gehen weit auseinander.
Für den Start sprach: Vonns gesamte Saison. Sie war die Nummer eins der Abfahrtswertung, hatte auf der Tofana zwölf Karriere-Siege geholt und im Training am Freitag trotz Kreuzbandriss stabil gewirkt. Zudem kannte sie als Athletin mit rund 25 Operationen in ihrer Karriere ihren Körper wie kaum jemand sonst. FIS-Präsident Johan Eliasch sagte nach dem Sturz: „Sie kennt ihren Körper und ihre Verletzungen. Sie weiß, wozu sie fähig ist.“
Gegen den Start sprach: Das medizinische Risiko. Ein fehlendes Kreuzband reduziert die Kniestabilität massiv. Bei einer Abfahrt mit Geschwindigkeiten über 100 km/h und starken Belastungen in den Kurven ist das ein erhebliches Problem. Dazu kam die Mentalität: Felix Neureuther beschrieb treffend, dass man „mental über sich hinauswachsen“ müsse, wenn man so schwer verletzt fahre. Der Druck, bei dem einen großen Rennen über das Limit zu gehen, war enorm.
Am Ende bleibt ein schmaler Grat zwischen Bewunderung für Vonns unglaublichen Kampfgeist und der Frage, ob der Ehrgeiz diesmal zu groß war. Tina Maze fasste es wohl am ehrlichsten zusammen: „Sie wollte es unbedingt. Das ist schrecklich.“
Vonns Vermächtnis: Mehr als dieser eine Sturz
Was auch immer die endgültige Diagnose bringt und ob Vonn ihre Karriere nun offiziell beendet: Ihre Zahlen und ihre Geschichte stehen für sich.
- 84 Weltcup-Siege (zweitmeiste aller Zeiten hinter Mikaela Shiffrin)
- 3 olympische Medaillen (Gold 2010, Bronze 2010 und 2018)
- 8 WM-Medaillen (2x Gold, 3x Silber, 3x Bronze)
- 4 Gesamtweltcup-Titel
- Älteste Weltcup-Siegerin in der Geschichte des alpinen Skisports
- Comeback mit Teilprothese im Knie nach fünf Jahren Pause
Was Vonn in dieser Comeback-Saison gezeigt hat, war sportlich gesehen schlicht irreal. Mit 41 Jahren, einer Prothese im rechten und einem frischen Kreuzbandriss im linken Knie beim wichtigsten Rennen ihres Lebens an den Start zu gehen, das zeigt eine Entschlossenheit, die man so im Skisport selten gesehen hat. Ob man das mutig oder waghalsig nennt, hängt vermutlich davon ab, wen man fragt.
FAQ: Die wichtigsten Fragen zum Vonn-Sturz bei Olympia 2026
Was ist bei Lindsey Vonns Sturz in Cortina genau passiert?
Vonn blieb nach nur 13 Sekunden Fahrzeit mit dem Arm an einem Tor hängen, wurde in die Luft gehoben, verdrehte sich und schlug hart auf der Piste auf. Sie blieb liegen, schrie vor Schmerzen und wurde nach über zehn Minuten Behandlung per Helikopter ins Krankenhaus geflogen.
Warum ist Vonn trotz Kreuzbandriss gestartet?
Vonn wollte sich ihren Olympia-Traum nicht nehmen lassen. Sie hatte die gesamte Saison dominiert, führte die Abfahrtswertung und sah Cortina als „ihr“ Rennen. Im Training zwei Tage vorher war sie Elfte geworden und fühlte sich nach eigener Aussage bereit.
Wie schwer ist Lindsey Vonn verletzt?
Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es noch keine offizielle Diagnose. Vonn wird im Krankenhaus untersucht. Die TV-Bilder zeigten eine verdrehte Kniestellung, was auf schwere Knieschäden hindeuten könnte. Ihr medizinisches Team ist vor Ort.
Wer hat die olympische Abfahrt 2026 gewonnen?
Gold holte Breezy Johnson (USA), Silber ging an Emma Aicher (Deutschland) mit nur 0,04 Sekunden Rückstand, Bronze an Sofia Goggia (Italien).
Ist Vonns Karriere jetzt endgültig vorbei?
Das ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht offiziell bestätigt, wird aber von zahlreichen Experten so eingeschätzt. Vonn ist 41 Jahre alt, hat rund 25 Operationen in ihrer Karriere hinter sich und nun möglicherweise weitere schwere Knieverletzungen erlitten.
Wie viele Weltcup-Siege hat Lindsey Vonn insgesamt?
Vonn steht bei 84 Weltcup-Siegen. Damit ist sie die zweiterfolgreichste Skirennfahrerin der Geschichte, hinter Mikaela Shiffrin (106 Siege). Bei den Männern liegt nur Ingemar Stenmark (86 Siege) knapp vor ihr.
