116 Medaillenentscheidungen stehen bei den Olympischen Winterspielen 2026 in Milano Cortina auf dem Programm. In 16 Sportarten. Alle paritätisch oder zumindest im Mixed-Format. Alle, bis auf eine: die Nordische Kombination. Dort dürfen nur Männer an den Start. Frauen schauen zu. Im Jahr 2026.
Was sich liest wie ein schlechter Witz aus einer anderen Ära, ist bittere Realität für Athletinnen wie Nathalie Armbruster, die amtierende Gesamtweltcupsiegerin aus Deutschland. Sie sitzt in diesen Tagen zu Hause, statt in Cortina um Gold zu kämpfen. Und das, obwohl sie sportlich zu den Besten der Welt gehört. Ihr „Vergehen“: Sie ist eine Frau in einer Disziplin, die das IOC noch nicht für Frauen freigegeben hat.
Wie es dazu kommen konnte, was die Athletinnen dazu sagen, warum die gesamte Sportart jetzt sogar um ihre olympische Existenz bangt und was das alles für 2030 bedeutet, darum geht es in diesem Artikel.
Kurz erklärt: Die Nordische Kombination (im Szene-Jargon auch „NoKo“ genannt) vereint zwei komplett unterschiedliche Disziplinen in einem Wettkampf. Erst geht es auf die Skisprungschanze, dann in die Langlaufloipe. Das Besondere: Die Ergebnisse aus dem Springen werden in Zeitabstände umgerechnet. Wer am weitesten springt, startet im Langlauf zuerst. Die anderen müssen aufholen. Wer als Erste oder Erster ins Ziel kommt, gewinnt.
Das Gundersen-System (so heißt dieses Format) sorgt für echte Spannung, weil bis zur letzten Loipenrunde alles offen bleibt. Die Frauen springen in der Regel von einer Normalschanze und laufen danach 5 oder 7,5 Kilometer. Dazu gibt es inzwischen auch neuere Formate wie das Compact Race und den Massenstart, die das IOC selbst gefordert hatte, um mehr Abwechslung reinzubringen.
Was diese Sportart von allen anderen unterscheidet: Du brauchst gleichzeitig Explosivkraft, Mut, Koordination und Ausdauer auf Weltklasse-Niveau. In zwei völlig verschiedenen Sportarten. Das ist extrem anspruchsvoll und der Grund, warum die Nordische Kombination bei den allerersten Winterspielen 1924 in Chamonix schon im Programm war. Sie gilt als eine der traditionsreichsten olympischen Winterdisziplinen überhaupt.
Seit 1924 olympisch. Aber nur für Männer.
Und genau da liegt das Problem. Seit über 100 Jahren ist die Nordische Kombination fester Bestandteil der Winterspiele. Immer für Männer. Frauen wurden lange gar nicht erst in Betracht gezogen, weil die Disziplin schlicht als „Männersport“ galt. Das Skispringen der Frauen wurde erst 2014 in Sotschi olympisch, also knapp 90 Jahre nach den Männern. Bei der Nordischen Kombination ist die Lücke noch größer.
Einen organisierten Weltcup für Frauen gibt es erst seit der Saison 2020/21. Die erste Weltmeisterschaft fand 2021 in Oberstdorf statt, mit 31 Starterinnen. Das ist noch jung, keine Frage. Aber die Entwicklung seither war rasant:
- In der laufenden Saison 2025/26 gibt es so viele Weltcup-Rennen für Frauen wie nie zuvor
- 10 verschiedene Athletinnen aus 7 Nationen und 3 Kontinenten standen in dieser Saison auf dem Podest
- Die Wettkämpfe sind spannend und unvorhersehbar geworden
- Beim Weltcup in Oberhof waren 8 Nationen in den Top 10 vertreten
- Die FIS plant die Nordische Kombination der Frauen fest für die WM 2027 und 2029 ein
Das alles hat das IOC trotzdem nicht überzeugt, die Frauen für 2026 zuzulassen.
Die Argumente des IOC und warum sie wackeln
Die Entscheidung gegen die Frauen-NoKo bei Olympia 2026 fiel bereits 2022. Das IOC nannte damals drei zentrale Gründe:
1. Zu wenige Nationen und Athletinnen Die Leistungsdichte sei zu gering, nur eine Handvoll Länder sei wirklich konkurrenzfähig. Vor allem Norwegen, Deutschland und Österreich würden alles unter sich ausmachen.
Nathalie Armbruster hat dieses Argument mit konkreten Zahlen gekontert: „Ich habe mir die Mühe gemacht und nachgeschaut: Im Sommer und Winter waren zehn verschiedene Athletinnen auf dem Podium, aus sieben Nationen von drei Kontinenten. Wenn das keine Vielfalt ist, dann weiß ich es auch nicht.“
2. Zu geringe Einschaltquoten Die TV-Zahlen seien nicht hoch genug, um eine Aufnahme ins olympische Programm zu rechtfertigen.
Ein klassisches Henne-Ei-Problem: Ohne olympische Bühne bleiben Reichweite und Sichtbarkeit niedrig. Ohne Sichtbarkeit gibt es keine hohen Quoten. Ohne hohe Quoten keine Aufnahme ins Programm.
3. Zu kurze Entwicklungszeit Die Sportart sei schlicht zu jung, um sich nachhaltig entwickelt zu haben.
Zum Vergleich: Das Skispringen der Frauen hatte seine WM-Premiere 2009 in Liberec (36 Starterinnen). Fünf Jahre später war es olympisch. Die Nordische Kombination der Frauen hatte 2021 ihre WM-Premiere (31 Starterinnen). Fünf Jahre später ist sie immer noch nicht olympisch.
„Wir haben uns diesen Platz verdammt noch mal verdient“
Nathalie Armbruster hat kurz vor den Spielen einen emotionalen Instagram-Post veröffentlicht, der die ganze Frustration der Kombiniererinnen auf den Punkt bringt. Dazu ein Video von sich selbst als kleines Mädchen, das vor laufender Kamera sagt: „Ich möchte zu Olympia. Mit der Nordischen Kombination.“
Heute, mit 20 Jahren, ist sie Gesamtweltcupsiegerin. Dreimalige WM-Zweite. Eine der besten Kombiniererinnen der Welt. Und trotzdem zum Zuschauen verdammt.
In ihrem Post schrieb sie: „Niemandem sollte die Möglichkeit verwehrt werden, seine Träume zu leben, nur weil man eine Frau ist.“ Die Kombiniererinnen würden ihren Platz bei Olympia nicht wollen, „weil wir Frauen sind und Gleichberechtigung fordern. Wir haben uns diesen Platz verdammt noch mal verdient, als hochprofessionelle Weltklasse-Athletinnen, die alle Anforderungen erfüllt haben, die das IOC selbst einmal festgelegt hat.“
Bundestrainer Florian Aichinger beschrieb die Stimmung im Team so: „Für die Sportlerinnen waren die letzten Wochen surreal. Da kommen immer wieder große Emotionen hoch.“ Statt bei Olympia zu starten, wird Armbruster als Co-Kommentatorin im Fernsehstudio sitzen und die Männer-Wettkämpfe begleiten, an denen sie selbst liebend gerne teilgenommen hätte.
Nicht nur Armbruster: Internationale Kritik wächst
Die US-Amerikanerin Annika Malacinski fand noch deutlichere Worte: „Wir sind einzig wegen unseres Geschlechts von Olympia ausgeschlossen. Nicht, weil wir nicht gut genug sind. Nicht, weil wir nicht bereit sind. Sondern weil das IOC weiterhin zögert, ausweicht und Frauen die gleichen Chancen verweigert, die Männer seit Jahrzehnten haben.“
Die norwegische Dominatorin Ida Marie Hagen (20 Weltcup-Siege) sagte: „Ich kann kaum daran denken, weil ich dann sehr traurig werde. Es wird schwierig sein, die Olympischen Spiele von zu Hause aus zu verfolgen.“
Einige Top-Athletinnen haben drastische Konsequenzen gezogen. Gyda Westvold Hansen (Norwegen), die allererste Weltmeisterin der Geschichte, und Lisa Hirner (Österreich), WM-Dritte, wechselten zum Spezial-Skispringen, nur um sich ihren Olympia-Traum doch noch zu erfüllen. Ein Armutszeugnis für das System, dass Weltklasse-Kombiniererinnen die Sportart wechseln müssen, um bei den Spielen dabei zu sein.
Das große Ganze: Droht der Nordischen Kombination das Olympia-Aus?
Die Sache ist noch komplizierter, als es auf den ersten Blick wirkt. Denn das IOC hat für 2030 eine klare Linie vorgegeben: Geschlechterparität in allen olympischen Sportarten. Für die Nordische Kombination gibt es deshalb nur zwei Szenarien:
Szenario 1: Die Frauen werden für 2030 ins Programm aufgenommen. Dann gibt es Gleichberechtigung und die Sportart bleibt olympisch.
Szenario 2: Die Frauen kommen nicht rein, und die Männer fliegen raus. Dann ist die gesamte Nordische Kombination nach über 100 Jahren nicht mehr olympisch.
DSV-Sportdirektor Horst Hüttel bringt es auf den Punkt: „Entweder die Damen kommen rein, oder die Herren kommen raus.“ Die Entscheidung soll nach Aussage des IOC im Mai oder Juni 2026 fallen, also wenige Monate nach den Spielen in Milano Cortina.
Olympiasieger Vinzenz Geiger sagt offen: „Früher oder später würde dies das Ende der Sportart bedeuten.“ Und er meint nicht nur die Nordische Kombination selbst. Ohne Olympia-Status fallen Spitzensportförderung, Trainerstellen und Behördenstellen weg. Der Nachwuchs verliert die Motivation. Und weil der Deutsche Skiverband mit den Fördergeldern auch die Sprungschanzen finanziert, wäre am Ende sogar das Skispringen in Gefahr. Hüttel: „Es wäre ein Vollfiasko für uns, ganz abgesehen von den persönlichen Tragödien.“
Die Olympia-Wettkämpfe 2026: Worauf es jetzt ankommt
Bei den Winterspielen in Milano Cortina stehen für die Männer drei Wettbewerbe an:
- 11. Februar: Einzel von der Normalschanze
- 17. Februar: Einzel von der Großschanze
- 19. Februar: Team-Wettbewerb
Alle drei finden in Tesero statt. Und sie werden unter besonderer Beobachtung stehen. Eine IOC-Delegation will sich vor Ort ein Bild machen. Sogar IOC-Präsidentin Kirsty Coventry hat sich für die Einzel-Wettkämpfe angekündigt. Pierre Ducrey, der neue IOC-Sportdirektor, hat bestätigt, dass die „Informationen und Daten der Spiele“ für zukünftige Entscheidungen genutzt werden.
Deshalb hat Armbruster in ihrem Instagram-Post auch einen konkreten Appell an die Fans gerichtet: „Liebe Fans, bitte schaut euch die Wettbewerbe der Männer bei den Olympischen Spielen an. Das IOC wird sich die TV-Quoten ansehen.“
Bundestrainer Eric Frenzel (selbst ehemaliger Olympiasieger, seit 2025 Trainer) gibt sich vorsichtig optimistisch: „Was wir tun können, haben wir getan. Mein Gefühl bleibt positiv.“ Er verweist auf die neuen Wettkampfformate und die gestiegene Leistungsdichte. Ob das reicht, wird sich zeigen.
Was schon jetzt gegen die Frauen bei Olympia 2026 spricht
Ein zusätzlicher Faktor, der oft übersehen wird: Das IOC hat für Milano Cortina die Quotenplätze bei den Männern bereits gekürzt, von 55 auf 36 Athleten. Das trifft die großen Nationen hart. Deutschland hat nur noch drei Startplätze (Geiger, Schmid, Rydzek). Wendelin Thannheimer, obwohl in dieser Saison auf dem Podest gewesen, muss zu Hause bleiben.
Auch DSV-Sportdirektor Hüttel sieht die europäische Dominanz als reales Problem: Athleten aus Europa, Wettkämpfe in Europa, nur vereinzelt kommen Asien und Amerika vor. Julian Schmid, aktuell Zweiter im Gesamtweltcup, sagt: „Sorgen mache ich mir auf jeden Fall, und ich glaube, die sind auch berechtigt.“ Die Kombinierer wissen, dass es bei Olympia 2026 nicht nur um Medaillen geht, sondern um die Zukunft ihrer gesamten Sportart.
FAQ: Die wichtigsten Fragen zur Nordischen Kombination der Frauen bei Olympia
Warum dürfen Frauen bei Olympia 2026 nicht in der Nordischen Kombination starten?
Das IOC hat 2022 entschieden, die Frauen-NoKo nicht ins Programm aufzunehmen. Die Gründe: zu wenige aktive Nationen, mangelnde Leistungsdichte, niedrige Einschaltquoten und eine zu kurze Entwicklungszeit der Disziplin. Die Nordische Kombination ist damit die einzige Wintersportart bei Olympia 2026 ohne Frauen.
Was sagt Nathalie Armbruster zum Olympia-Ausschluss?
Die 20-jährige Gesamtweltcupsiegerin hat dem IOC scharfe Vorwürfe gemacht und auf Instagram gefordert: „Wir haben uns diesen Platz verdammt noch mal verdient.“ Sie wird die Winterspiele als Co-Kommentatorin im TV begleiten, statt selbst zu starten.
Seit wann gibt es einen Frauen-Weltcup in der Nordischen Kombination?
Den ersten offiziellen Frauen-Weltcup gibt es seit der Saison 2020/21. Die erste WM fand 2021 in Oberstdorf statt. Die Sportart hat sich seitdem schnell entwickelt, mit steigenden Teilnehmerinnenzahlen und mehr Nationen auf dem Podest.
Wird die Nordische Kombination komplett aus dem Olympia-Programm gestrichen?
Das ist möglich. Das IOC entscheidet voraussichtlich im Mai oder Juni 2026 über die Zukunft der Sportart für die Winterspiele 2030. Es gibt zwei Optionen: Entweder Frauen und Männer sind dabei, oder die gesamte Disziplin fliegt nach über 100 Jahren aus dem Programm.
Welche Athletinnen haben wegen des Olympia-Ausschlusses die Sportart gewechselt?
Die Norwegerin Gyda Westvold Hansen (erste Weltmeisterin überhaupt) und die Österreicherin Lisa Hirner (WM-Dritte) sind zum Spezial-Skispringen gewechselt, um bei Olympia starten zu können.
Wann finden die Nordische-Kombination-Wettkämpfe bei Olympia 2026 statt?
Die Männer-Wettkämpfe in Tesero sind am 11. Februar (Einzel Normalschanze), 17. Februar (Einzel Großschanze) und 19. Februar (Team). Eine IOC-Delegation wird vor Ort sein, um die Zukunft der Disziplin zu bewerten.
