Innovation

Pissoir für Frauen: Missoir spart Wasser und Wartezeit

MISSOIR das Pissoir für Frauen
MISSOIR das Pissoir für Frauen aus Die Höhle der Löwen

Missoir ist ein Pissoir für Frauen ohne Spülung: Hockhaltung, Haltegriffe, Einbau, 180.000-Euro-Pitch bei DHDL und was Skeptikerinnen stört.

Zwanzig Minuten Schlange vor dem Damenklo, während die Männer längst wieder vor der Bühne stehen. Auf Festivals, in Clubs und in Stadien ist das Alltag, und bis vor Kurzem hat kaum jemand ernsthaft an dieser Situation gerüttelt. Ein Pissoir für Frauen wirkt auf den ersten Blick wie eine kuriose Idee, löst aber ziemlich direkt dieses Problem.

Die Berliner Gründerin Lena Olvedi (44) hat mit Missoir ein Hockurinal entwickelt, das als Pendant zum klassischen Pissoir gedacht ist. In der Höhle der Löwen wollte sie dafür 180.000 Euro einsammeln und bot im Gegenzug 20 Prozent ihrer Firmenanteile an. Vor ihr saßen Judith Williams, Janna Ensthaler, Carsten Maschmeyer, Ralf Dümmel und Johannes Kliesch. Ihr Satz zur Vision bringt es auf den Punkt: „Frauen sind keine Nische und Warteschlangen kein Naturgesetz.“

Die Idee entstand 2018, und zwar genau dort, wo sie hingehört: in der Warteschlange vor einer Clubtoilette. Die Frage, warum es Urinale nur für Männer gibt, hat einen historischen Grund. Als im 19. Jahrhundert die ersten öffentlichen Urinale gebaut wurden, hielten sich im öffentlichen Raum vor allem Männer auf. Für sie wurde geplant, Frauen kamen in der Sanitärinfrastruktur schlicht nicht vor. Dieses Erbe schleppen wir bis heute mit.

Das Prinzip von Missoir ist simpel. Statt sich auf eine fremde Klobrille zu setzen oder sich mühsam darüber zu halten, gehst du in die natürliche Hockhaltung. Das Urinal ist im Boden eingelassen, ein Gitter fängt Spritzer ab, und Haltegriffe aus Edelstahl geben dir Stabilität. Kein Körperkontakt, kein Hinsetzen, kein Papier auf die Brille legen. Nach den ersten Einsätzen auf Festivals und Veranstaltungen ging das Produkt in Serienproduktion, 2024 und 2025 folgten die Gründung der MISSOIR GmbH und eine Auszeichnung der Bundesregierung.

Ein wichtiger Punkt vorab, bevor du auf Amazon danach suchst: Missoir verkauft ausschließlich an gewerbliche und öffentliche Kundschaft. Clubs, Konzerthallen, Stadien, Festivals, Kommunen, Berghütten. Für dein Badezimmer zu Hause ist das Ding nicht gedacht, und einen Privatverkauf gibt es nicht. Wenn du also beim Thema Pissoir für Frauen an einen mobilen Urinier-Trichter für unterwegs denkst, bist du in einer anderen Produktkategorie unterwegs. Missoir ist eine feste Sanitärinstallation, vergleichbar mit einem Pissoir in der Herrentoilette.

Was das für Veranstalterinnen und Betreiber konkret bedeutet, welche Zahlen die Firma zu Wasser und Kosten nennt und wo die ehrlichen Schwachstellen liegen, schauen wir uns jetzt im Detail an.

So funktioniert das Hockurinal im Betrieb

Das Missoir Set besteht aus dem Hockurinal aus Edelstahl, einem Spritzschutz und Haltegriffen. Die Griffe sind fester Bestandteil des Sets, es gibt sie in verschiedenen Varianten. Dazu kommt Zubehör wie Toilettenpapierspender, Mülleimer oder Kleiderhaken, ebenfalls aus Edelstahl.

Einbauen lässt sich Missoir auf zwei Arten: einzeln in einer abschließbaren Kabine oder mehrfach nebeneinander, so wie Pissoirs im Herrenbereich. Welche Variante sinnvoll ist, hängt stark vom Ort ab. Mehr dazu weiter unten, denn genau an diesem Punkt entzündet sich die meiste Diskussion.

Technisch ist das Ganze unkompliziert. Missoir ist ein Trockenurinal und braucht keinen Wasseranschluss, nur eine Abwasserleitung in DN 50 oder DN 100 mit mindestens 2 Prozent Gefälle. Den Anschluss übernimmt eine Sanitärfachkraft, eine Anleitung für Installation, Reinigung und Wartung liegt jeder Bestellung bei. Für Projekte in Berlin und Brandenburg vermittelt die Firma auf Wunsch Fachbetriebe.

Bei der Reinigung gilt: milde, pH-neutrale Reiniger für Trockenurinale, keine aggressiven oder chlorhaltigen Mittel. Weil kein Wasser im Spiel ist, bildet sich nach Aussage von Missoir deutlich weniger Urinstein als bei Spültoiletten. Empfohlen wird eine jährliche Überprüfung durch Fachpersonal. Geruchsverschluss und Spritzschutz lassen sich nachbestellen und selbst tauschen.

Spannend wird es beim Thema Wasser. Die Firma rechnet auf ihrer Website ein Beispiel vor: Ein Standort mit 400 Gästen, 9 Litern pro Spülung, 1.600 Klogängen pro Tag, 8 Abenden im Monat und 12 Monaten im Jahr kommt auf rund 1,4 Millionen Liter gespartes Wasser und etwa 5.600 Euro weniger Kosten pro Jahr. Das sind gerundete Beispielwerte aus dem firmeneigenen Rechner, keine unabhängige Messung. Trotzdem zeigt die Größenordnung, warum das Konzept für Betreiber mit hohem Andrang interessant ist: Weniger Fläche pro Nutzung, kein Wasserverbrauch, kürzere Verweildauer pro Person.

Im Einsatz ist das Pissoir für Frauen längst nicht mehr nur auf Festivals. Zu den genannten Referenzen zählen Clubs wie Else, about blank und Prisma in Berlin, die Distillery in Leipzig, der Toilettenanbieter öklo aus Österreich und eine Alpenvereinshütte in Osttirol. Dazu kommt ein Pilotprojekt des Berliner Senats mit nachhaltigen City-Toiletten von EcoToiletten. In der dazugehörigen Zufriedenheitsbefragung von 2023 bewerteten 95 Prozent der befragten Frauen die Missoirs positiv. Die Zahl stammt aus der Umfrage im Rahmen des Stadtprojekts, die Missoir selbst zitiert, und sie bezieht sich auf Frauen, die das Urinal tatsächlich benutzt haben.

Was Skeptikerinnen stört und wie fair diese Einwände sind

Unter den Videos zu Missoir findest du neben Begeisterung auch deutliche Einwände, und die solltest du kennen, bevor du dir eine Meinung bildest.

Der häufigste Punkt ist Privatsphäre. Beim Pissoir sieht man von hinten eine Jeans, beim Hockurinal ohne Kabinentür deutlich mehr. Mehrere Frauen schreiben, dass sie sich so nicht neben Fremde hocken wollen und lieber in der Schlange stehen. Dieser Einwand ist absolut nachvollziehbar. Die Antwort darauf liefert die Einbauvariante: Missoir lässt sich in einer abschließbaren Kabine installieren, dann hast du dieselbe Privatsphäre wie auf einem normalen Klo, nur ohne Sitzkontakt und schneller. Die offene Reihenaufstellung passt eher auf Festivals, in Clubs mit entspanntem Publikum oder in Bereichen mit Aufsicht.

Zweiter Punkt: Sicherheit. Eine Kommentatorin beschreibt die Vorstellung, nachts allein in Berlin ein offenes Urinal zu benutzen, während jemand hinterherkommt. Auch hier ist die Kabine mit Schloss die Lösung. Ein offenes Missoir in einer unbeaufsichtigten öffentlichen Toilette um drei Uhr morgens wäre keine gute Planung, und das sollte jede Kommune beim Einbau mitdenken.

Dritter Punkt: Beweglichkeit. Hocken ist nicht für jede Frau machbar. Mit Knieprothese, nach einer Hüft-OP oder im hohen Alter kann die Haltung schwierig werden. Die Haltegriffe helfen beim Runtergehen und Aufstehen, ersetzen aber keine Sitztoilette. Deshalb ist Missoir auch nicht als Ersatz gedacht, sondern als Ergänzung: Wer hocken kann und schnell fertig sein will, nimmt das Urinal, alle anderen nutzen die Kabine, und beide Schlangen werden kürzer.

Vierter Punkt: Hygiene. Was passiert, wenn mehr kommt als geplant, und wie sauber bleibt das Gitter? Der Spritzschutz ist tauschbar, die Reinigung laut Betreiberrückmeldung einfach, und das Risiko einer unangenehmen Überraschung ist bei einem Pissoir im Herrenbereich grundsätzlich dasselbe. Ganz ausschließen lässt es sich nirgends.

Und dann gibt es noch den Einwand, Hocktoiletten gebe es in Asien seit Jahrzehnten, das sei keine Erfindung. Stimmt teilweise. Neu ist nicht das Hocken, sondern die Kombination aus Trockenurinal, Spritzschutz, Haltegriffen und der Platzierung als gleichwertiges Gegenstück zum Pissoir in westlichen Sanitäranlagen. Dafür hat die Firma Marke und Produkt schützen lassen.

Ob Lena Olvedi mit einem der fünf Löwen handelseinig wurde, erfährst du in der Sendung selbst. Unabhängig davon hat sie mit Missoir eine Lücke sichtbar gemacht, die 200 Jahre lang niemand als Lücke gesehen hat.

FAQ zum Pissoir für Frauen

Kann ich ein Missoir für zu Hause kaufen?

Nein. Missoir verkauft nur an gewerbliche und öffentliche Kundschaft, also an Clubs, Veranstalter, Kommunen oder Toilettenanbieter. Einen Shop für Privatpersonen gibt es nicht, auch nicht über Amazon.

Braucht das Hockurinal einen Wasseranschluss?

Nein. Missoir ist ein Trockenurinal und kommt ohne Spülung aus. Nötig ist nur eine Abwasserleitung in DN 50 oder DN 100 mit mindestens 2 Prozent Gefälle. Den Einbau übernimmt eine Sanitärfachkraft.

Wie viel kostet ein Missoir?

Einen öffentlichen Preis nennt die Firma nicht. Angebote gibt es auf Anfrage über die Website der MISSOIR GmbH in Berlin. Die Firma nennt Impressum, Firmensitz in der Oranienstraße und Geschäftsführerin offen, Preise lassen sich ohne Anfrage aber nicht verifizieren.

Ist das Pissoir für Frauen hygienisch?

Du hast keinen Kontakt zur Toilette, der Spritzschutz fängt Spritzer ab und lässt sich tauschen. Ohne Wasser bildet sich weniger Urinstein. Regelmäßige Reinigung mit pH-neutralen Mitteln bleibt trotzdem Pflicht, wie bei jedem Urinal.

Wo gibt es Missoirs schon?

Unter anderem in Berliner Clubs wie Else, about blank und Prisma, in der Distillery Leipzig, bei öklo in Österreich, auf einer Alpenvereinshütte in Osttirol und in einem Pilotprojekt des Berliner Senats mit EcoToiletten.

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