Dienstag, Januar 20, 2026
GesundheitDr. Eckart Axel von Hirschhausen über Demenz

Dr. Eckart Axel von Hirschhausen über Demenz

Fast zwei Millionen Menschen in Deutschland leben mit Demenz, eine schleichenden Bröckeln von Erinnerungen, Verstand und Persönlichkeit.

Eckart von Hirschhausen, der selbst Demenz in seiner Familie erlebt hat, macht sich auf eine persönliche Reise, um zu verstehen: Was ist Demenz eigentlich? Kann man es vorbeugen? Und wie geht man damit um, wenn sie einen selbst oder einen geliebten Menschen trifft?

Es gibt diesen schönen Satz: Das Herz wird nicht dement. Gefühle bleiben bis zuletzt eine Erkenntnis, die vielen Betroffenen und ihren Angehörigen Trost spendet. Doch der Weg bis dahin ist oft lang und voller Herausforderungen.

Mann 90 Jahre alt schaut aus dem Fenster Alzheimer

Was passiert bei Demenz im Gehirn?

Hinter dem Begriff Demenz verbergen sich über 50 verschiedene Krankheiten mit unterschiedlichen Symptomen, Verläufen und Ursachen. Die häufigste Form ist Alzheimer. Bei dieser Erkrankung vermüllt das Gehirn regelrecht mit Eiweißstoffen, die außer Kontrolle geraten sind.

Amyloid-Beta
Einer davon heißt Amyloid-Beta und das vorhanden in jedem Gehirn, doch bei Alzheimer verklumpt dieses Eiweiß und bildet hartnäckige Ablagerungen zwischen den Nervenzellen.

Das zweite problematische Eiweiß trägt den Namen Tau. Auch dieses kommt in jedem gesunden Gehirn vor. Bei Alzheimer beginnt es jedoch, sich zu verknollen und abzulagern. Die Folge: Nervenzellen sterben ab. Erst wenige, dann immer mehr. Weil wir eine Menge Hirnzellen haben, merkt man es lange nicht. Der Krankheitsprozess beginnt typischerweise im Hippocampus, dem Gedächtniszentrum unseres Gehirns. Immer mehr Regionen schrumpfen, bis das Hirn sozusagen den Geist aufgibt.

Während einige Menschen nach den ersten Symptomen innerhalb von zwei Jahren komplett abbauen, dauert es bei anderen zwanzig Jahre. Im Schnitt sind es acht bis zehn Jahre vom Auftreten erster Symptome bis zum Tod. Bis heute versteht man nicht vollständig, womit der Verklumpungsprozess losgeht und ob noch andere Faktoren den Gedächtnisverlust verursachen.

Wir können viel tun

Seit 2024 ist es glasklar: Es gibt 14 relevante Risikofaktoren für Demenz. Das Ermutigende daran ist, dass wir vieles davon ändern können manches sogar persönlich, vieles als Gesellschaft. Fast die Hälfte aller Demenzschicksale könnten wir im Prinzip vermeiden, wenn sich eine Menge ändern würde: in der Politik, in der Prävention und in unserer Umwelt.

Unser Gehirn verändert sich ein Leben lang. Entscheidend für Demenz im Alter ist die Zeit zwischen 40 und 60 Jahren, also eine Phase, in der man oft noch gar nichts von der drohenden Gefahr ahnt. Aber auch die Kindheit spielt eine Rolle: Je mehr wir unser Gehirn trainieren, desto länger hält es frisch. Deshalb ist geringe Bildung ein hohes Risiko.

Im mittleren Alter lohnt es sich besonders, auf folgende Faktoren zu achten: hohes LDL-Cholesterin, Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Bewegungsmangel, Fettleibigkeit und Rauchen. Alles, was Herz und Kreislauf belastet, belastet auch das Gehirn. Etwas überraschend vielleicht: Auch schlechtes Hören ist schlecht fürs Gehirn. Genauso wie Kopfverletzungen, Depressionen oder übermäßiger Alkoholkonsum.

Wer aus Eitelkeit auf eine Brille verzichtet, riskiert ebenfalls Hirnabbau. Einsamkeit beschleunigt Demenz. Und dann sind da noch die Dinge, denen man kaum aus dem Weg gehen kann: Abgase und Feinstaub in der Luft, Mikroplastik, das inzwischen sogar im Gehirn nachweisbar ist. In einer amerikanischen Studie fand man bei an Demenz Verstorbenen bis zu sieben Gramm Mikroplastik Quelle:bfr.bund.de/mitteilung/mikroplastik-im-gehirn im Gehirn, das entspricht etwa vier Flaschenverschlüssen.

Von Super-Agern lernen

Es gibt Menschen, die im hohen Alter geistig so fit sind wie Fünfzigjährige, die Forschung nennt sie Super-Ager. Einer von ihnen ist Willy, Jahrgang 1935. Mit 90 Jahren springt er jeden Morgen 105 Mal Seil, macht ein einstündiges Fitnessprogramm und hat sich in seinem Keller ein kleines Fitnessstudio aus Gurkengläsern und Einkaufskörben gebaut. Sein Ziel: 102 Jahre alt werden, wie sein Saunafreund.

Was machen diese bemerkenswerten Menschen anders? Die Forschung zeigt einige Muster. Super-Ager haben oft ein stimulierendes Leben geführt, besonders im mittleren Alter. Sie reisen, sprechen mehrere Sprachen, spielen Musikinstrumente, bleiben neugierig. Ihre kardiovaskulären Risikofaktoren sind niedriger – sie vermeiden hohen Blutdruck, hohes Cholesterin und alles andere, was dem Herzen schadet.

Auffällig ist auch ihr Durchhaltevermögen und ihre Resilienz gegenüber schwierigen Ereignissen. Interessanterweise haben Super-Ager genauso viele Alzheimer-Risikogene wie andere Menschen in ihrem Alter. Es sind also nicht die Gene allein, die den Unterschied machen, es ist der Lebensstil.

Die Hirnwaschmaschine und andere Wunder

glymphatische
Beispielbild: Erst 2012 entdeckten Wissenschaftler etwas Erstaunliches: ein Netz aus feinsten Kanälen im Gehirn, das sogenannte glymphatische System, die Kanalisation des Gehirns.

Diese natürliche Waschmaschine sorgt dafür, dass krankmachende Eiweiße ausgespült werden können. Das Nervenwasser rauscht regelrecht durchs Hirngewebe und nimmt dabei Fremdstoffe mit, unter anderem das Amyloid-Beta, das ursächlich für die Alzheimer-Erkrankung ist.

Das Entscheidende: Diese Reinigung findet vor allem im Tiefschlaf statt. Schlecht geschlafen bedeutet schlechte Hirnleistung, und offenbar schützt guter Schlaf auch langfristig vor Demenz. Das ist einer der Gründe, warum Schlafstörungen als Risikofaktor so ernst genommen werden.

Spannend ist auch die sogenannte Autophagie: Dabei reinigt sich die Zelle selbst, indem sie beschädigte Zellteile abbaut und recycelt. Das funktioniert aber nur, wenn die Zelle mal Ruhe dafür hat und nicht ständig mit dem Verdauen von Essen beschäftigt wird. Deshalb sind Essenspausen und gelegentliches Fasten so gesund fürs Gehirn.

Neue Hoffnung durch Forschung

2025 könnte ein entscheidendes Jahr werden. Mit Lecanemab gibt es erstmals einen Antikörper, ein Medikament, das bei einigen Patienten den Verlauf der Alzheimer-Erkrankung verlangsamen kann. Es stimuliert das hirneigene Immunsystem und kann so die Amyloid-Beta-Klumpen abbauen. In Studien verlangsamte sich der Abbau der geistigen Fähigkeiten um etwa sechs Monate.

Allerdings ist die Euphorie nicht ungetrübt. Das Medikament kommt nur für wenige Betroffene im Anfangsstadium infrage. Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Neigung zu Hirnblutungen schränken die Einsatzmöglichkeiten ein. Die Kosten liegen geschätzt bei 40.000 Euro pro Patient und Jahr. Und es kann Nebenwirkungen geben: Hirnschwellungen oder Mikroblutungen im Gehirn.

Eine überraschende Erkenntnis aus der Forschung: Die Impfung gegen Gürtelrose, also das Herpes-Zoster-Virus, kann das Demenzrisiko massiv senken. Wie genau das funktioniert, wird noch erforscht, aber es zeigt, wie zentral Entzündungsprozesse für Demenz sind. Dort liegt möglicherweise ein Schlüssel zur Prävention und Behandlung.

Am MIT in Boston forschen Wissenschaftler an einem faszinierenden Ansatz: Mit speziellen Licht- und Tonsignalen bringen sie Hirnwellen auf eine bestimmte Frequenz , 40 Hertz. Diese Frequenz zeigt an, wenn das Gehirn konzentriert und entspannt zugleich ist, etwa in der Meditation oder beim Spazieren in der Natur. In Studien reduzierten sich durch diese Stimulation die typischen Alzheimer-Eiweißklumpen messbar, es gab weniger Entzündungen und weniger Hirnschwund. Das alles nur durch eine einfache Stimulation von außen, ohne Nebenwirkungen.

Die stille Last der pflegenden Angehörigen

Rund 1,4 Millionen pflegende Angehörige kümmern sich in Deutschland rund um die Uhr um Menschen mit Demenz. Sie sind mit Abstand die größte Gruppe im Gesundheitswesen und die unsichtbarste. Was sie jeden Tag leisten, ist das Vielfache von dem wert, was in der Pflegeversicherung an Geld vorhanden ist.

Über 80 Prozent der Pflege wird nicht von professionell Pflegenden erbracht, sondern von Angehörigen. Sie machen das oft sehr gut, sind aber enorm eingespannt. Speziell bei Menschen mit Demenz kann das ein Mehr-als-Vollzeit-Job sein. Die nächtliche Unruhe vieler Betroffener, die Verhaltensänderungen, die Aggressivität in manchen Phasen all das zehrt an den Kräften.

Einer solchen Dauerbelastung nicht gewachsen zu sein, das fürchten viele, die einen Menschen mit Demenz pflegen. Entlastung und Pflegeplätze zu finden, ist oft unfassbar schwierig. Dabei zeigen innovative Einrichtungen wie der Münchner Verein wohlBEDACHT, dass es auch anders gehen kannmit sanftmütiger Pflege, die die Rechte der Demenzerkrankten achtet und ihnen so viel Freiheit wie möglich lässt.

Eine gesellschaftliche Herausforderung

Wir alle wollen alt werden, aber keiner will alt sein. Ab 65 Jahren steigt das Risiko für Demenz, mit 90 ist fast jeder Dritte demenziell erkrankt. Aktuell leben weltweit 55 Millionen Menschen mit Demenz und diese Zahl wird sich in den nächsten 20 bis 30 Jahren verdreifachen.

Das Pflegesystem steht vor gewaltigen Herausforderungen. Heute arbeiten etwa 1,5 Millionen Pflegefachkräfte für 5,5 Millionen pflegebedürftige Menschen. In den nächsten Jahrzehnten kommen geschätzt 1,2 Millionen weitere Menschen hinzu, die auf Pflege angewiesen sind. Die große Frage: Wer soll die geburtenstarken Jahrgänge in 30 Jahren pflegen?

Forscher in den Niederlanden gehen mit gutem Beispiel voran. In Maastricht entwickeln sie konkrete Angebote und Informationskampagnen für die Hirngesundheit. Ihre Strategie: Dahin gehen, wo die Leute sind an Bushaltestellen, in Fußballstadien. Mit echten Gehirnen zum Anfassen machen sie das abstrakte Thema greifbar. Ihr Motto: Wir sind selbst die Medizin.

Was jeder selbst tun kann

Es ist nie zu spät, etwas für die Hirngesundheit zu tun. Selbst bei Menschen, die schon erste Anzeichen einer Demenz zeigen, ist noch Potenzial vorhanden, die Gehirngesundheit zu verbessern. Die wichtigste Erkenntnis: Was gut ist fürs Herz, ist auch gut fürs Hirn.

Hirschhausen selbst nimmt aus seiner Recherche drei konkrete Vorsätze mit: seinen Bauchumfang reduzieren, etwas Neues lernen er spielt jetzt Tischtennis mit links, um sein Gehirn herauszufordern – und besser schlafen. Sudoku werde maßlos überschätzt, sagt er. Lieber etwas mit anderen Menschen, mit Spaß und Bewegung. Tanzen zum Beispiel sei superwirksam.

Die präventiven Maßnahmen sind oft überraschend einfach: ein Tanzkurs, Singen lernen, ein Musikinstrument spielen. Diese Dinge hätten langfristig den größten präventiven Hebel und sie kosten einen Bruchteil dessen, was teure Medikamente kosten würden. Mit dem Geld für eine einzige jahrelange Medikamententherapie könnte man lebenslanges Fitnessstudio, Gemüsekisten nach Hause, Tischtennisplatten, Tanzunterricht und Musikinstrumente von der Kita an finanzieren.

Neugierig sein auf andere Menschen, Lust haben auf das Leben und auf neue Begegnungen das scheint ein Schlüssel zu sein. Oder wie es eine 95-jährige Teilnehmerin der Super-Ager-Studie formuliert: Man muss morgens raus aus dem Haus, sich was vornehmen und immer in Bewegung bleiben. Es geht immer weiter.

Und so lautet vielleicht die wichtigste Botschaft: Demenz ist keine unausweichliche Folge des Alterns. Wir haben mehr Einfluss auf unsere Hirngesundheit, als viele denken. Die Frage ist nur: Was nehmen wir uns vor?

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