Eine App fotografiert dein Essen und zählt automatisch die Kalorien. Klingt nach Science-Fiction von vor fünf Jahren, ist aber seit Mai 2024 Alltag für inzwischen über 8 Millionen Menschen weltweit. Cal AI hat den Markt für Ernährungs-Tracking aufgemischt, und der Kopf dahinter war beim Launch gerade mal 17 Jahre alt.
Aber was taugt die App wirklich? Und wie wurde daraus ein Unternehmen mit 1,4 Millionen Dollar Gewinn pro Monat?
Das Prinzip ist denkbar simpel: Du öffnest die App, fotografierst deinen Teller, und die KI schätzt Kalorien sowie Makronährstoffe. Kein Abwiegen, kein manuelles Eintippen, kein Herumsuchen in Datenbanken.
Technisch gesehen verbindet Cal AI ein bestehendes Sprachmodell (wahrscheinlich GPT-basiert) mit einer eigenen Benutzeroberfläche. Das Modell analysiert das Foto und gibt eine Schätzung zurück. Die App speichert das Ergebnis, zeigt es übersichtlich an und trackt deinen Tagesverlauf.
Wichtig zu wissen: Die App sieht keine versteckten Zutaten. Wenn du eine Sauce unter dem Reis verbirgst oder ein Stück Butter im Teig steckt, wird das nicht erfasst. Das Team kommuniziert das inzwischen offen im Tutorial.
Wie genau sind die Kalorienwerte?
Das ist die ehrlichste Frage, die man stellen kann, und die Antwort lautet: Es sind Schätzungen.
Kalorienangaben per Foto haben eine inhärente Schwäche: Gewicht lässt sich nicht aus einem Bild ablesen. Ob deine Pasta-Portion 150 oder 280 Gramm wiegt, sieht die KI nicht. Wer sehr präzise tracken will, zum Beispiel für Wettkampfvorbereitung oder medizinische Ernährungstherapie, kommt um eine Küchenwaage nicht herum.
Für den Alltag, also grob im Blick behalten was man isst und ein ungefähres Gefühl für die eigene Ernährung entwickeln, reicht der Ansatz aber vielen Menschen aus. Der Unterschied zu klassischen Apps wie MyFitnessPal: Du machst es tatsächlich, weil die Hürde so niedrig ist.
Warum Cal AI trotzdem so viele Abonnenten hat
Gründer Zach Yadegari sagt selbst, der entscheidende Faktor sei nicht das Produkt allein, sondern das Marketing. Influencer-Kooperationen machen den größten Teil des Werbebudgets aus. Das ist keine bescheidene Aussage, sondern eine strategische Entscheidung: Sichtbarkeit zuerst, Produktoptimierung parallel.
Die Zahlen bestätigen das Modell. Rund 50 Prozent der Einnahmen fließen in Marketing zurück. Das klingt nach viel, ist aber bei wachstumsorientierten Apps in der Frühphase nicht ungewöhnlich.
Dazu kommt ein klassischer Abo-Mechanismus über Apple und Google Pay. Die App-Stores übernehmen Zahlungsabwicklung und Rückerstattungen komplett, was den operativen Aufwand für das Team reduziert.
Was Kritiker bemängeln
Die Kommentarsektion unter dem CNBC-Video lässt nichts aus. Die häufigsten Einwände:
- Genauigkeit: Die KI kann keine Gewichte einschätzen, daher sind die Werte grundsätzlich fehlerbehaftet.
- Abo-Modell: Einige Nutzer fühlten sich durch die Probephase in ein kostenpflichtiges Abo gelockt.
- Wrapper-Kritik: Technisch gesehen ist Cal AI kein eigenes KI-Modell, sondern ein Interface auf einem bestehenden Modell. Das ist legitim, aber kein technologischer Durchbruch.
- Nachhaltigkeit: Ob das Geschäftsmodell bei steigenden API-Kosten und zunehmendem Wettbewerb trägt, bleibt abzuwarten.
Diese Punkte sind berechtigt. Gleichzeitig gilt: Millionen von Menschen haben die App heruntergeladen und bezahlen dafür. Ob das Produkt „objektiv gut“ ist, entscheidet der Markt, nicht die YouTube-Kommentarsektion.
Was man als Gründer daraus mitnehmen kann
Zachs Geschichte wird gerne als Wunderkind-Narrative verkauft. Das greift zu kurz.
Was er tatsächlich gemacht hat: Er hat ein echtes Problem identifiziert (Kalorientracking ist zu aufwändig), eine einfache Lösung mit verfügbaren Werkzeugen gebaut und sofort auf Vertrieb gesetzt. Er hatte Unterstützung durch Angel-Investor Blake, der das nötige Startkapital mitbrachte, das ist kein Geheimnis und kein Makel, sondern Teil der Realität der meisten Startup-Geschichten.
Die eigentliche Lektion: Du brauchst kein eigenes KI-Modell, um eine KI-App zu bauen. Du brauchst ein Problem, eine klare Zielgruppe und die Bereitschaft, sehr schnell sehr viel zu testen.
FAQ zu Cal AI
Ist Cal AI kostenlos?
Cal AI hat eine kostenlose Basisversion, die Kernfunktionen sind aber hinter einem Abo versteckt. Preise variieren je nach Laufzeit.
Wie genau ist Cal AI beim Kalorientracken?
Die App liefert Schätzwerte. Bei einfachen, klar erkennbaren Gerichten ist die Abweichung oft gering, bei gemischten Speisen oder versteckten Zutaten kann sie erheblich sein. Für grobe Orientierung geeignet, für präzises Tracking eingeschränkt.
Wer steckt hinter Cal AI?
Zach Yadegari (CEO) und drei Co-Gründer, darunter CTO Henry. Das Unternehmen hat inzwischen rund 30 Mitarbeitende und sitzt in den USA.
Wie unterscheidet sich Cal AI von MyFitnessPal?
MyFitnessPal setzt auf manuelle Eingabe und eine große Lebensmitteldatenbank, was präziser, aber aufwändiger ist. Cal AI funktioniert per Foto und ist dadurch schneller im Alltag, aber weniger exakt.
Kann ich eine Rückerstattung bekommen?
Rückerstattungen laufen direkt über Apple oder Google, nicht über Cal AI selbst. Du musst dich an den jeweiligen App-Store wenden.
